zurück zu “Aktuelles”

Verstimmung oder Depression?

Zur Behandlung von Depressionen stehen wirksame Medikamente zur Verfügung. Diese werden eingesetzt, um Krankheitsverläufe abzukürzen und Wiedererkrankungen zu verhindern. Parallel dazu werden psychotherapeutische Gespräche und ergänzende Therapien eingesetzt. Um Depressionen vorzubeugen ist es wichtig, anhaltende Phasen von Überforderung, Stress und Angst zu vermeiden. Weitere unterstützende Hinweise im folgenden Artikel:

Autorin: Dr. med. univ. Angela Brucher, Chefärztin Psychiatrie-Dienste Süd

Depressionen belasten ausserordentlich
Depressionen beeinträchtigen den ganzen Menschen und seine Beziehungspartner in existentiellem Sinne. Sie lähmen Körper und Seele, verursachen Schmerzen, trüben die Wahrnehmung und belasten die Beziehungen der Betroffenen ausserordentlich stark. Die Erkrankungen dauern ohne Behandlung im Durchschnitt etwa fünf Monate, und sie treten wiederkehrend auf.

Depressionen sind Erkrankungen, die alleine schwer zu bewältigen sind. Nehmen Sie die Hilfe von Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder Internetforen in Anspruch. Kontaktieren Sie Ihren Hausarzt, einen kompetenten Psychologen oder eine erfahrene Psychotherapeutin. Hilfe und Heilung sind möglich, wenn Sie den ersten Schritt machen und sich professionelle Unterstützung holen.

Depressionen sind gut behandelbar
Zur Behandlung von Depressionen stehen wirksame Medikamente zur Verfügung. Sie ermöglichen, Krankheitsverläufe abzukürzen und zukünftige Wiedererkrankungen im besten Falle ganz zu verhindern. Darüber hinaus helfen psychotherapeutische Gespräche, das Miteinbeziehen der Angehörigen, regelmässiges Bewegen und sinngebende Beschäftigung, Tageslichttherapie sowie Elektrokrampfbehandlung und Magnetstimulation.

Unterscheidung von Depression und Demoralisierung
Im Konsiliardienst stehen wir oft vor der schwierigen Frage, ob der Mensch, den wir vor uns haben, an einer Depression im psychiatrischen Sinne leidet, oder seine Reaktion einer Demoralisation entspricht. Eine Demoralisation ist bei Betroffenen unter den von ihnen beschriebenen und gegebenen Lebensumständen gut nachvollziehbar. Die Unterscheidung von Depression oder Demoralisierung ist jedoch äusserst relevant für die weitere Therapie, da Antidepressiva im Rahmen einer Demoralisation nicht indiziert sind, keine Wirkung zeigen und eventuell bei gleichzeitigem Gebrauch mehrerer Arzneimittel (bestehende Polypharmazie) wegen somatischer Ursachen eher nicht anwendbar (kontraindiziert) sind.

Konfrontiert mit einer ausweglosen Situation, einer schweren Erkrankung, einer schlechten Prognose oder massiven Einschränkungen können Menschen demoralisiert reagieren. Typischerweise ist der Auslöser rasch klar und verständlich. Betroffene sind verzweifelt, traurig und hoffnungslos. Häufig werden Gefühle von Ohnmacht und Überforderung geschildert. Der Zustand fehlender Perspektive ist für Betroffen schwer zu ertragen.

Bei der Demoralisierung sind (im Gegensatz zur Depression) jedoch Schwingungsfähigkeit und Freudfähigkeit erhalten. Menschen sind in der Lage Hoffnung zu empfinden, wenn sie vermittelt wird. Therapeutisch wichtig sind in dieser Situation eine gute Arzt-Patienten-Beziehung, Offenheit und Transparenz sowie Verlässlichkeit zwischen Behandlungsteam und Patienten, die Vermittlung von realistischen Therapiezielen und einer Perspektive und eine stützende Psychotherapie. Themen wie Sinn, Werte, Spiritualität und Glaube stehen je nach Prädisposition der Betroffenen im Vordergrund. Medikamente sind in diesem Fall nicht wirksam. Eine Depression hingegen zeigt sich vor allem durch fehlende Fähigkeit zur Freude, fehlende Anteilnahme und reduzierte Schwingungsfähigkeit.

Instrumente zur Diagnosestellung
Ein zuverlässiges Screening durch psychiatrische Fachpersonen und eine valide Beurteilung ermöglicht der HADS (Hospital Anxiety and Depression Scale), ein Fragebogen mit 14 Fragen. Davon beziehen sich sieben zur Depression und sieben zu Angst. Der Fragebogen verzichtet bewusst auf die Abfrage von somatischen Symptomen. Ein weiteres zuverlässiges und sehr einfaches Instrument ist der Patient Health Questionaire, bestehend aus lediglich zwei Fragen zu Affekt und Interessensverlust, welcher eine Depression mit einer Sensitivität von 87 Prozent und einer Spezifität von 78 Prozent diagnostiziert. Die beiden Fragen lauten:

• Haben Sie sich im letzten Monat öfters bedrückt, deprimiert, hoffnungslos gefühlt?
• Haben Sie im letzten Monat öfters bemerkt, dass Sie kein Interesse und/oder keine
  Freude an Dingen haben, die Ihnen normalerweise Freude machen?

Die Bewertung erfolgt nach einer 4 Punkte-Skala (0 entspricht “gar nicht”; 3 entspricht “sehr stark”), ≥ 3 entspricht Cut off/Toleranzwert überschritten).

Die anschliessende Behandlung einer Depression erfolgt durch ausgewiesene Fachpersonen, dabei werden psychotherapeutische und psychopharmakologische Therapien kombiniert. Bei somatisch Schwerkranken sind die körperlichen Symptome der Depression (Appetitlosigkeit, körperliche Erschöpfung) leider zu unspezifisch und nicht verwertbar. Daher sind bei diesen Patientinnen und Patienten die regulären Screening-Instrumente, welche nach diesen Symptomen fragen nicht einsetzbar.

Zahlen zu erfolgten Behandlungen
In die Psychiatrie-Dienste Süd treten jährlich 1‘700 an Depression erkrankte Erwachsene ein, davon 400 stationär, 240 tagesklinisch und 1‘060 ambulant (Datenbasis 2017). Der Anteil der Frauen (57%) ist dabei höher als jener der Männer (43%). Bei älteren Menschen kommen Depressionen zwar häufiger vor als bei jüngeren, verlaufen aber mit zunehmendem Alter der Betroffenen milder.

Beratungs- und Behandlungsangebot

Was können Sie selbst tun, um einer Depression vorzubeugen?
Pflegen Sie soziale Kontakte, machen Sie regelmässig Sport, gehen Sie Ihren Lieblingsbeschäftigungen nach und unterstützen Sie ein positives Selbstbild. Vermeiden Sie länger anhaltende Phasen von Überforderung, Angst und Stress. Suchen Sie bei traumatischen Erlebnissen das Gespräch mit Ihrem Partner, mit der Familie, mit nahen Freunden oder mit einer Fachperson aus dem Gesundheitswesen.

Kampagne "Wie geht es dir?"
Ostschweizer Forum für psychische Gesundheit
Persönlicher Beratung in Anspruch nehmen

Psychiatrische Versorgung in der Schweiz
Die Schweiz verfügt über eine gute und qualitativ hochwertige psychiatrische Versorgung. Sie gewährleistet Patientinnen und Patienten eine bedarfsgerechte Behandlung. Dies hielt der Bundesrat 2016 im Bericht zur «Zukunft der Psychiatrie in der Schweiz» fest. Der Bericht zeigt aber auch, dass Weiterentwicklungsbedarf besteht, insbesondere in den Bereichen statistischer Planungsgrundlagen und Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen: Obsan Bericht 72.

Haben Sie eine persönliche Frage?
Zur Thematik Depression oder im Zusammenhang mit einer erkrankten Person in Ihrem nahen Umfeld? Schreiben Sie uns, wir haben Antworten und helfen gerne weiter info@psych.ch.

zurück zu “Aktuelles”