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Fachlicher Input am Kongress in Novokuznetsk

Am nationalen Rehabilitations-Kongress in Novokuznetsk, Russland referierten die beiden Autoren zu den Themen «Burnout bei medizinischen Fachpersonen» und «Angehörige im Fokus». Die vielen Fragen zu den fachlichen Inhalten zeigten das grosse Interesse der Teilnehmenden auf und die «Live-Sitzung» mit einer von Unfall/Tetraplegie betroffenen Familie, die Validierung und Würdigung der Entbehrungen und Bewältigungsschritte, führte zu spürbar positiver Wirkung und Stärkung der Angehörigen.

Autoren: Dr.med., Dr.phil. Pavel Ptyushkin, Oberarzt in der Klinik St.Pirminsberg (links) und Thomas Lampert, Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit (rechts), in der Mitte Vera Lyachovetskaya (Oberärztin auf der Reha- und Physiotherapiestation, Rehabilitationszentrum für Menschen mit Behinderung in Novokuznetsk)

Wie kam die Präsenz am Kongress zustande?
Die Anfrage für die beiden Referate entstand durch persönliche Kontakte aus einer früheren Tätigkeit von Pavel Ptyushkin im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Pavel Ptyushkin ist gebürtiger Moskauer, ist in St.Petersburg aufgewachsen und hat dort Medizin studiert.

Zürich - Novokuznetsk: 6500km
Die Anreise ist aufwändig. Nebst der grossen Distanz galt es auch vier Stunden Zeitverschiebung zu überwinden. An dieser Stelle sticht die Frage nach Aufwand und Ertrag sicherlich sofort ins Auge; und nüchtern betrachtet ist die Frage wohl rasch beantwortet. Dennoch soll dieses Dilemma an dieser Stelle etwas vertiefter betrachtet werden.

Die gut acht Stunden dauernde Reise wurde durch Nebel mit einem Zwischenhalt in Novosibirsk um weitere Stunden verlängert. Endlich die Landung in Novokuznetsk, einer russischen Grossstadt im Steinkohlerevier des Kusbass in der Oblast Kemerowo, am Fluss Tom im Südwesten Sibiriens gelegen. Knapp 550'000 Einwohner. Die ersten Atemzüge machen es deutlich. Stahlproduktion - ein unverkennbarer Geruch von Steinkohle hängt in der Luft, welcher uns die kommenden Tage begleiten wird.

Russischer Rehabilitations-Kongress Novokuznetsk
Der nationale Kongress, an welchem gut 300 Personen aus der gesamten Russischen Föderation teilnahmen, ist gut etabliert in der Rehabilitationsversorgung. So standen am ersten Tag verschiedene Fachreferate zu Ergotherapie, beruflicher Wiedereingliederung, sozialer Unterstützung und Entstigmatisierung von Menschen mit schweren Krankheiten bzw. Behinderung sowie den Rahmenbedingungen für Menschen mit einer körperlichen Einschränkung im Vordergrund. Aber auch die beiden Referate "Burnout bei medizinischen Fachpersonen" sowie "Angehörige in der Behandlung - Beziehungen als Risiko und Chance" gleich zu Beginn der Veranstaltung. Vertieft wurden die beiden Referate am Folgetag durch einen Workshop.

Burnout bei Fachpersonen - auch in Russland ein Thema
Fachleute, die mit Menschen mit schweren Krankheiten arbeiten, sind mit emotionalen und anderen Herausforderungen konfrontiert, die das Risiko eines Burnouts erhöhen. Im Referat und während des separaten runden Tisches wurden die Ursachen, die Risikofaktoren und die Bewältigungsstrategien besprochen und die Fragen von Teilnehmenden beantwortet.

Angehörige in der Rehabilitation
Die Betrachtungen, was Angehörige von Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen, stand dem Fokus von Angehörigen in der Rehabilitation Pate. Einzelne Prozesse können als universell betrachtet werden, etwa die langandauernde Genesung und zurückbleibende Einschränkungen, welche das gesamte Familiensystem betreffen. Sowohl bei schweren psychischen Erkrankungen als auch bei Unglücksfällen mit körperlicher Versehrtheit sind die Auswirkungen und die Suche nach geeigneter Bewältigung emotionaler Herausforderungen vergleichbar. So stand im ersten Teil des Referats der Fokus auf Belastungen und Bewältigungsstrategien im Zentrum, im zweiten Teil die Ressourcen naher Beziehungen in Familiensystemen.

Am Folgetag haben sich die Angehörigen einer Familie, deren Ehefrau und Mutter seit zwei Jahren (nach einem Unfall) Tetraplegikerin ist, für eine Live-Sitzung zur Verfügung gestellt. Im Gespräch mit dem Ehemann und den beiden inzwischen 16- und 12-jährigen Töchtern zeigt sich eine grosse Betroffenheit, auch zwei Jahre nach dem Unglück, wie es die jüngere Tochter nennt. Gerührt und mit Tränen in den Augen erzählt der Ehemann und Vater von den eindrücklichen Auswirkungen des Unfalls und der Rehabilitationsphase. Vom Verlust der Selbstverständlichkeit, emotionalen Herausforderungen zwischen Bangen und Hoffen, aber auch dem Wachstum in der veränderten Lebenssituation als Familie. Nicht weniger eindrücklich beschreiben die beiden Mädchen, wie sie unterschiedlich mit den Auswirkungen umgehen. Während die ältere Tochter mit wenigen Freundinnen über die Not im Zusammenhang mit dem Unglück sprechen kann, möchte die jüngere Tochter die Geschichte im Freundeskreis nicht ansprechen.

Unterschiedliche Bewältigungsstrategien, die oft auch im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen zu beobachten sind. Und es zeigt sich in dieser Live-Sitzung wie so oft: Validierung und Würdigung der Entbehrungen und Bewältigungsschritte stärken Angehörige. Eine kleine Intervention am Rande eines Kongresses mit grosser Wirkung für die drei anwesenden Angehörigen, was ihre Dankbarkeit beindruckend verdeutlicht hat.

Die eingangs gestellte Frage, ob der Aufwand für den Ertrag sich lohnt, lässt sich nicht einfach beantworten. Das grosse Interesse an den beiden Referaten, die vielen Fragen und positiven Rückmeldungen zu den beiden Themen zeigen, dass der fachliche Input auf fruchtbaren Boden fiel. Die Dankbarkeit der beschriebenen Familie, der begleitenden Therapeutin (Vera Lyachovetskaya) und des Organisationskomitees unterstreichen diese Sicht. Und die anfängliche Wahrnehmung von tristen Plattenbauten, den menschenleeren Strassen und der stickigen Luft  ist der Wärme, Gastfreundschaft und Dankbarkeit dieser Menschen gewichen, die die beiden Reisenden/Referenten in ihrer Erfahrung und Erinnerung mitnehmen durften.

Weiterführende Informationen
Referat "Angehörige in der Behandlung - Beziehungen als Risiko und Chance"
Unsere Angehörigenberatung

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